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Samstag, 1. Oktober 2011

Willi Lemke löst den Nahost-Konflikt

Glosse
Friedensengel Willi Lemke mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon

Es gibt Berufsbezeichnungen, unter denen man sich wenig bis gar nichts vorstellen kann. „EU-Beauftragter für Bürokratieabbau“ (Edmund Stoiber) zum Beispiel. Bei anderen Wortungetümen sind wir mit der Zeit schlauer geworden. Dass der „Rundfunkgebührenbeauftragte“ in Wahrheit der GEZ-Drücker ist, hat sich rumgesprochen und auch die Arbeitsmethoden dieser Wegelagerer sind hinlänglich bekannt. Und dann gibt es noch den „Sonderberater der Vereinten Nationen für den Sport“. Der Bremer Willi Lemke sitzt gerade auf dem Posten. Und wer denkt, dass Lemke als in Genf stationierter UN-Mann Vielflieger ist, der von einer repräsentativen Verpflichtung zur nächsten eilt, liegt wahrscheinlich gar nicht falsch. Nur: Was macht er da? 

Sonntag, 18. September 2011

Blattkritik

"Lust am Lesen"
Jede Zeit bringt ihren Fortschrittspessimismus mit sich. In der "Lust am Lesen"-Beilage des "Weser Kurier" von heute ist die zeitgenössische Variante zu finden: "Erst langsam erkennen wir, dass die technische Revolution eine Revolution unserer Gehirne ist. Ja, mehr noch: dass Computer und Smartphones unseren bürgerlichen Bildungskanon, der noch vor wenigen Jahren gegolten hat, grundsätzlich über den Haufen werfen. Heute ist es nicht mehr zwingend notwendig, ein Gedicht von Schiller auswendig zu können – wir müssen lediglich wissen, wo wir es im Netz finden." Der Autor des Textes, Leser-Kurier-Kompagnon Axel Brüggemann, verschweigt leider, wann es je "zwingend notwendig" war, Schiller auswendig zu können, und er wird seinen wie immer schönen Text auch nicht mit der Feder auf handgeschöpftes Papier aufgetragen haben, sondern hat vermutlich seinen neuen Apple-Rechner per Bluetooth-Tastatur gefüttert. Und, lieber Kollege Brüggemann, ich bin mir sicher, dass Johann Sebastian Bach oder der von Dir angeführte Ludwig van Beethoven ihre Einfälle in "Sibelius" am Rechner zu Meisterwerken gemacht hätten, wenn ihnen die Technologie zu Diensten gewesen wäre. 

Das nur so zum Sonntag... Jan-Philipp Hein

Mittwoch, 7. September 2011

Zehn Jahre Labertunnel

Piep, piep, piep... 
Rund 30 Zeilen hat der „Weser Kurier“ heute dem zehnjährigen Jubiläum des „Bremer Friedenstunnel“ eingeräumt, der die Ego-Show einer Grafikdesignerin ist, die sich selbst zur Künstlerin erklärt hat. Mit Kunst hat das Projekt von Regina Heygster, das als spontane Reaktion auf de Terroranschläge vom 11. September 2001 entstand, genau nichts zu tun. Es als „Kitsch“ zu bezeichnen, ist noch sehr höflich. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Elvira Noa, drückte es neulich so aus. Für ihre kritische Haltung gegenüber dem „Friedenstunnel-Projekt“ bekam die Gemeinde von Heygster postwendend die dunkelgelbe Karte gezeigt. In einem Leserbrief an den „Weser Kurier“ war zu lesen: „Sie (Anm: Jüdische Gemeinde) beteiligt sich nicht am interreligiösen Dialog der der Gemeinschaften...“ 
Zwar ist Symbolpolitik vielleicht das wichtigste Betätigungsfeld einer Landesregierung, deren Kassen so leer sind wie die „Inhaltsarbeit“ des Friedenstunnels. Doch Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) hätte sich vielleicht doch etwas genauer mit der Tiefe von Frau Heygsters Projekt beschäftigen können, bevor er ihr zur Selbstdarstellung vor der Presse nicht nur seinen Sitzungssaal im Rathaus zur Verfügung stellte, sondern auch noch warme Worte spendete.
Auszüge aus dem Pressematerial, in dem Regina Heygster über 20 mal abgebildet oder genannt ist:
  • Um ein großes Friedenszeichen zu setzen, braucht es viele kleine Schritte. 
  • Um Ängste und Vorurteile abbauen zu können, müssen Orte der Begegenung geschaffen werden. 
  • Wenn es gelingt, dass Menschen aller Nationalitäten, Farben, Kulturen und Religionen sich gegenseitig achten, kommen wir weiter - im Frieden der Kultur und auch im Wirtschaften. 
  • Insoweit wird der Friedenstunnel als ein Element für einen „Ethischen, interkulturellen Humanismus“ stehen. 
Oder einfach nur für verbale Inkontinenz. JAN-PHILIPP HEIN

Samstag, 3. September 2011

Eine Brücke für Vicco von Bülow

Warum man die Bürgermeister-Smidt-Brücke nach Loriot benennen sollte
Vicco von Bülow
In der Debatte um einen Platz für Loriot hätten wir einen Vorschlag zu machen: Nennt die Bürgermeister-Smidt-Brücke um! Der Gründer Bremerhavens mag sich um das Land verdient gemacht haben. Sein Antisemitismus wird dabei verschwiegen.
Wenn man sogar lokalhistorisch gebildeten Bremern erzählt, dass Johann Smidt, 1821 bis 1857 Bürgermeister und zuvor Senator, ein knallharter Antisemit war und alle Juden aus der Stadt werfen wollte, will das kaum einer wahrhaben. „Wirklich?“ lautet dann die Gegenfrage. Oh ja!
Bürgermeister Smidt
Smidt wird für seine Weitsicht geehrt. Er war es, der beim Deutschen Bund die Selbständigkeit Bremens sicherte – bis heute ist das so. Und er gründete 1827 Bremerhaven. Die Weser versandete, so dass große Schiffe die Handelsmetropole nicht mehr anlaufen konnten. So gilt Smidt auch als Bewahrer des Wohlstands der Hanseaten.
Sein Antisemitismus ist in der Erinnerung kein Thema. Es gebe wichtigere Themen sagen die einen hinter vorgehaltener Hand, andere verweisen darauf, dass das doch damals normal gewesen sei. Zitieren lassen will sich damit freilich niemand. Beißt sich Smidts Judenhass zu sehr mit einer liberalen Tradition auf die Bremen stolz ist? Müsste man am Ende gar mit dem Klischee der liberalen und weltoffenen Hansestadt aufräumen?